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1. Warum ist die Marine der Vereinigten Staaten in Vieques, Puerto
Rico?
Puerto Rico: von spanischer Kolonie zur amerikanischen
Militärstütze
Nach 400 Jahren spanischer Kolonialherrschaft ging Puerto Rico, als
direktes Ergebnis des spanisch-amerikanischen Krieges von 1898, in den
Besitz der Vereinigten Staaten über. Gleich nach der Invasion errichtete
die Regierung der Vereinigten Staaten eine Militärregierung, die bis
1900 herrschte; danach ermächtigte das Foraker Gesetz von 1900 den Präsidenten
der Vereinigten Staaten, einen Gouverneur für die Zivilbevölkerung zu
ernennen. 1917 gewährte das Jones Gesetz allen InselbewohnerInnen die
amerikanische Staatsbürgerschaft. 1948 wurde den Puertoricanern zum
allerersten Mal erlaubt, ihren eigenen Gouverneur zu wählen. Heute,
nach 101 Jahren unter durchgehender politischer, wirtschaftlicher und
militärischer Herrschaft der Vereinigten Staaten, ist Puerto Rico weiterhin
eine Kolonie der Vereinigten Staaten. Wegen seiner geographischen Lage
hat Puerto Rico schon immer eine militärstrategische Schlüsselrolle
für die Vereinigten Staaten gespielt.
Enteignung von Land für regionale Militärzwecke
Die Marine der Vereinigten Staaten begann 1938 den Inselort Vieques,
vor der östlichen Küste Puerto Ricos gelegen, für Militärübungen zu
nutzen. 1941, während des Höhepunktes des 2. Weltkrieges, begann die
Marine durch Landenteignungen Tausende von InselbewohnerInnen dazu zu
zwingen, ihre Ländereien an sie abzugeben. Das führte schließlich dazu,
daß über zwei Drittel des Ackerlandes der Insel in den Besitz der Marine
gelangten und dadurch Tausende von Familien umziehen mußten und die
Grundlage ihrer Existenz ernsthaft gefährdet war. Die Marine setzte
willkürlich die Preise für enteignetes Land fest und gab den InselbewohnerInnen
kaum, wenn überhaupt, Mitspracherecht in dieser Angelegenheit. Widerstand
wurde zu einer sinnlosen Übung, denn die Marine setzte folgendes Ultimatum:
Entweder ihr akzeptiert die von der Marine festgesetzten Preise oder
ihr bereitet euch darauf vor, daß ihr innerhalb von 24 Stunden zur Räumung
gezwungen werdet - wenn nötig mit Gewalt. Das Ergebnis dieser Taktik
war, daß sich die gesamte Zivilbevölkerung von Vieques auf einem kleinen
Streifen Land in der Mitte der Insel drängte. So übernahm die Marine
der Vereinigten Staaten die Kontrolle über mehr als 75 % dieser winzigen
Insel.
2. Das Vermächtnis der Marine der Vereinigten Staaten in Vieques:
Wirtschaftliche Stagnation
Vieques hat ungefähr 9.400 EinwohnerInnen. Die Insel hat, bei sehr vorsichtiger
Schätzung, eine Arbeitslosenrate von fast 50 %. General Electric, eine
der wenigen großen Firmen in Vieques, wird den Betrieb diesen Sommer
einstellen. Die Fischerei ist auf der Insel die einzige wirklich rentable
Industrie mit wirtschaftlicher Bedeutung. Dieser Zustand beruht ganz
offensichtlich auf der Tatsache, daß die größten Teile des fruchtbaren
Landes, wo früher beträchtlich Landwirtschaft betrieben wurde, von der
Marine enteignet wurden. Carlos Zenan, der ehemalige Präsident des Verbandes
der Fischer, sagt, daß beim Einlaufen der Schiffe der Marine in die
30 m tiefen Gewässer wo die Fischer ihre Fallen ausgelegt haben, "die
Antriebsschrauben der Schiffe die Bojen, die anzeigen, wo sich die Fallen
befinden, zerstören". Wenn dies geschieht, ist es schwierig für die
Fischer, die Netze wiederzufinden. Das Ergebnis ist, daß die Netze am
Grund des Meeres für acht oder zwölf Monate ausgelegt bleiben und viele
Fische anziehen, die letztendlich in den Fallen sterben. Das Landwirtschaftsministerium
der Vereinigten Staaten führte eine Studie über diese ausgelegten Netze
durch und fand heraus, daß sich in einem einzigen Netz in zehn Monaten
zwischen 2.250 bis 2.500 kg Fisch ansammeln. Das stellt eine ernsthafte
ökologische Bedrohung des angeschlagenen Ökosystems des Meeres in diesem
Gebiet dar. Die Marine der Vereinigten Staaten zerstörte 1977 zum Beispiel
131 Fallen.
Ökologischer Schaden
Eine unmittelbare Auswirkung auf das empfindliche Ökosystem der Insel
haben die Bombardierungen, die auf Vieques stattfinden. Das Ökosystem
der Insel bietet Lebensraum für Hunderte von Tier- und Planzenarten,
die aufgrund des direkten Aufpralls der Geschosse während der militärischen
Schießübungen sofort getötet bzw. zerstört werden. Auf lange Sicht führen
die Bombardierungen und Militärmanöver wegen ihrer toxischen Rückstände
zu einer schwerwiegenden Vergiftung der Umwelt. In einem Artikel, der
1988 veröffentlicht wurde, stellte der Ingenieur und Umweltberater Rafael
Cruz-Perez drei Arten fest durch die die Militärbombardierungen die
Umwelt auf Vieques verschmutzen:
- Chemikalien in der explosiven Bombenlast der Raketen
- Staub- und Gesteinspartikel, die infolge des Aufpralls und/oder
der Explosion der Raketen aufgewirbelt werden
- metallische Rückstände, die nach der Detonation der Raketen auf
dem Boden zurückbleiben und das Gerümpel und die Schrotthaufen,
die sie für das Zielschießen benutzen.
In seinem Artikel stellte Cruz- Perez fest: "Laut Informationen der
Navy werden diese Materialien nie beseitigt. Durch weitere Explosionen
und durch die Meeresbrise oxidieren oder zersetzen sich die Metalle.
Sie verwandeln sich so in Laugen, die ins Grundwasser gelangen und die
Umwelt auf erschreckende Weise verschmutzen". Er bezog sich auch auf
eine wissenschaftliche Studie der Marine, die besagt, daß die Trinkwasserquellen
in den Dörfern Isabel Segunda und Barrio Esperanza mit giftigen Chemikalien
wie TNT, Tetryl und RDX verseucht sind. Cruz-Perez merkte an, daß "die
Studie nicht erklärt, wie diese Substanzen in die mehr als 14 km von
den Schießplätzen entfernten Wasserquellen gelangt sind". In den siebziger
Jahren entnahm die Umweltschutzbehörde der Vereinigten Staaten Proben
von Vieques Luft und Erde. Nach der Untersuchung der Proben stellte
die Umweltschutzbehörde fest, daß die Luft einen gesundheitsschädlichen
Anteil an Schmutzpartikeln und daß der Boden einen über dem Normalwert
liegenden Eisengehalt aufweisen.
Hohe Krebsraten und große Gesundheitsprobleme
Die Menschen von Vieques leiden an einer hohen Krebsrate und anderen
ernsthafen gesundheitlichen Problemen. Studien, die vom puertoricanischen
Gesundheitsministerium durchgeführt wurden, zeigten, daß die Krebsrate
auf Vieques von 1985 bis 1989 auf 26 % über dem Durchschnitt des restlichen
Puerto Ricos gestiegen ist. Rafael Rivera-Castano, ein pensionierter
Professor der puertoricanischen medizinwissenschaftlichen Universität,
wies eine Zunahme an äußerst seltenen Krankheiten nach. Dazu gehören
z.B. Scleroderma, Lupus und Schilddrüsenkrankheiten, aber auch nicht
ganz so seltene Krankheiten wie Asthma, an dem hauptsächlich Kinder
leiden. "Wie können die Kinder von Vieques Asthma bekommen, wenn dies
eine so kleine Insel ist? Der Wind, der vom Meer her weht, ist reich
an Jod, das Asthma vorbeugt. Die einzig mögliche Ursache kann die Luftverschmutzung
sein. Wir haben hier keine Fabriken, die einzige Quelle der Luftverschmutzung
hier ist die Marine", erklärte er.
3. Kampf und Widerstand
Der Kampf zwischen David und Goliath
Vieques Fischer sind äußerst mutig. Sie standen den Kriegsschiffen auf
dem Meer mehrmals gegenüber. Im Februar 1978 teilte Robert Fanagan,
Admiral der Vereinigten Staaten, den Fischern mit, daß sie drei Wochen
nicht fischen dürften. Alle Mitgliedstaaten der NATO hatten intensive
Militärmanöver entlang der ganzen Küste von Vieques geplant. Carlo Zenon
informierte ihn darüber, daß sie protestieren würden. "Stellen Sie sich
vor, ich, ein puertoricanischer Fischer, der einem Admiral der Vereinigten
Staaten mitteilt, daß wir ihnen Probleme bereiten werden", sagte er.
Am 6. Februar 1978, als sie genug hatten von der Arroganz der Marine,
griffen die Fischer von Vieques zu einer verzweifelten Maßnahme. 40
Fischerboote drangen in die Gewässer ein, in denen kurz darauf Zielübungen
mit scharfer Munition beginnen sollten. Sie führten einen Kampf mit
der Steinschleuder Davids gegen den Goliath der NATO. Sie hatten Erfolg.
Sie konnten die Manöver aufhalten und gewannen die Unterstützung der
ganzen puertoricanischen Nation. Dieser Aktivismus auf dem Meer hat
wichtige Siege für die Menschen von Vieques während ihres Kampfes gegen
die Marine der Vereinigten Staaten errungen.
Die Camps des zivilen Ungehorsams
Nach dem Tod von David Sanes Rodriguez am 19. April 1999 versammelte
sich eine Gruppe von Zivilisten im Gebiet des "Vorfalls", um gegen die
Bombardierungen zu protestieren. Diese Bekundungen von Wut und zivilem
Ungehorsam waren eine frontale Herausforderung der unrechtmäßig erworbenen
Autorität der Marine der Vereinigten Staaten. Am 21. April versammelte
sich eine Gruppe von 15 Booten auf dem Gebiet, auf dem die Bombardierungen
durchgeführt wurden. Sie stellten ein großes Kreuz auf und nannten das
Gebiet "Mount David" - in Gedenken an Herrn Sanes. Mount David ist ein
äußerst gefährlicher Ort, dessen Grund mit scharfer Munition übersät
ist. Trotz der großen Gefahren organisierten viele Leute Proteste innerhalb
der Sperrgebiete der Marine. Seit Herrn Sanes Tod konnten all diese
Proteste die Bombardierungen erfolgreich aufhalten. "Ich weiß, daß es
sehr gefährlich ist", sagte Pablo Connelly, einer der Zivilisten, die
am Mount David protestierten. Er fügte hinzu:"Ich weiß, daß die Risiken
groß sind, aber alle Risiken sind es wert. Ich tue das für meine Kinder
und für die Kinder aller Viequenser und ich weiß, daß während der Zeit,
die ich hier bleiben werde, nicht eine einzige Bombe auf Vieques fallen
wird".
Am 8. Mai errichtete die Puertoricanische Unabhängigkeitspartei ("Puerto
Rican Independence Party" (PIP)) ein zweites Camp in Playa Carrucho.
Der Präsident der Partei, Senator Ruben Berrios, gelobte, so lange in
dem Camp zu bleiben, bis entweder die Marine geht oder er verhaftet
wird. Ein Szenario der Konfrontation war geschaffen. Noch einmal stand
David Goliath Auge in Auge gegenüber. Viele andere Camps des zivilen
Ungehorsams wurden im Laufe dieses Jahres im Zielbereich errichtet.
Anfang Mai 2000 gab es ungefähr 14 von ihnen mit über einhundert Menschen,
die ständig unter solch harten Bedingungen lebten
Am Donnerstag, dem 4. Mai 2000, um 5.30 Uhr morgens begannen staatliche
Behörden mit der Festnahme von Personen, die zivilen Ungehorsam ausübten.
Dies wurde angesehen als eine Beleidigung seitens der Regierung der
Vereinigten Staaten gegenüber dem Willen der Leute von Vieques und Puerto
Rico, die sich ihr Land für ein volles Jahr zurück genommen hatten,
um die Bombardierung und den Beschuß der Insel zu verhindern.
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